Stücke
Nichts hat ewig Hochkonjunktur
Dresdner Neueste Nachrichten, Donnerstag, 8. November 2007
von Bistra Klunker
Christoph Heins „Die Ritter der Tafelrunde“ auf der Studentenbühne der TU Dresden
Wer
Christoph Heins Stück „Die Ritter der Tafelrunde“ im Kleinen
Haus gesehen hat – vor allem in der Zeit zwischen der Uraufführung
am 12. April 1989 und dem Mauerfall – speicherte sicherlich diese
Erinnerung: Es war eine verschlüsselte, aber unmissverständliche
Kritik an die Borniertheit der alten Politbürokraten. Die
DDR-Theatergänger, Meister im Zwischen-den-Zeilen-Lesen, konnten
in der vergreisten Tafelrunde auf morschen Stühlen nichts
anderes erkennen als die verbissenen betagten Apparatschiks, die ihr
Land regierten – ob der Autor es nur so gemeint haben soll oder
nicht. Das Faulen abgestorbener Utopien meinte man in dieser
Inszenierung förmlich riechen zu können, so sehr passte
diese DDR-Parabel in Artussage-Verpackung in die gefühlte
politische Lage der „Zone“. Gespielt wurde „Die Ritter der
Tafelrunde“ seither (abgesehen von Dresden) kaum auf deutschen
Bühnen. Es schien als deklariertes Wendestück nicht mehr
zum Zeitgeist zu passen. Vielleicht passt auch der Zeitgeist nicht
mehr zum Stück. Hein, der sich „Chronist ohne Botschaft“
nennt, sieht das sicherlich anders. Wer noch?
Die Studentenbühne der TU Dresden die bühne. Ein paar altgediente, treue Mitstreiter der Amateurbühne und Regisseur Klaus-Peter Fischer wollten es wissen: Was ist noch dran am Text? Wie wirkt er heute? Ist er vielleicht zeitloser, als man dachte oder doch befangen? Ob sie für all diese Fragen Antworten gefunden haben, sei dahingestellt, das Spielen scheint den Mimen noch Spaß zu machen, und dem Regisseur das Regieführen offenbar auch. Das kam beim Premierenpublikum gut an – mit oder ohne Botschaften.
Auf der Bühne (Bühnenbild: Ronald Scheurich, Kostüme: Erika Lust) ist zwar auch hier alles nicht mehr der letzte Schrei, hat aber Struktur (der Tisch aus ein paar Metallsegmenten im Halbkreis wird nach unten schräger). Und es sieht ein bisschen nach Arbeit aus: Pappbecher überall – da kann Orilus (tolle schauspielerische Leistung des Theaterfotographen Hagen König) daraus als Aufmunterungsstrategie seine Turnierkämpfe simulieren. Parzifal (Ingo Röder) nutzt den musealen Raum der Tafelrunde als Redaktionsstube und der missratene Sohn Mordret (Mathias Mohr spielt ihn kindisch-dekadent) hat seine Kumpel auf dem verbotenen, mit weißem Stoff verhüllten Artus-Stuhl schon mal probesitzen lassen. Ginevra (Ance Sparka) vertreibt sich die Langeweile und das Warten auf Lancelot (Christian Sparka) mit Romanlesen, Orilus` Frau Jeschute (Else Sobe) legt Wert auf resignierende Rest-Eleganz. Keie (Maik Mahr), ordenbehangen und in Ellbogenrüstung, drohgebärdet noch und will Veränderungen nicht wahrhaben. Diese Figur erinnert stark an ein bekanntes, untergegangenes Regime. Auch der zurückgekehrte Lancelot, nur in zwei Jahren Gralssuche vergreist und schweigsam, enttäuscht und müde, wirkt ideologisch verschlissen. Auch scheint der Tischler, der keine Zeit und kein Material hat, um das kaputte Tischbein zu reparieren, die Wende verpasst zu haben.
Erstaunlich ist aber vor allem, dass der Text auch dank der Interpretation der Studentenbühne nicht nur Wendebotschaften zu vergeben hat. Artus (Peter Börke) wirkt wie ein liberaler Firmenbesitzer der alten Schule, der es nicht glauben will, dass die Konkurrenz bessere Karten hat und ihm die Ritter abwirbt. Es ist so ein zeitloser Verliererimage-mag-keiner-Geist zu spüren und auch ein bisschen von einer gedrückten Stimmung nach der Hochkonjunktur. Kommt die Nächste, finden wir den Gral? Alles Illusion? Die fetten Jahre sind halt vorbei, rette sich wer und womit er kann. Und das Orilus beim Morgensport die Hand wie zum Hitlergruß hebt, um zu verdeutlichen, dass Pflicht und Ehre als Tugenden leider nicht mehr geachtet werden, bringt dezent ein bisschen Eva-Hermann-Prinzip ins Spiel. In eine andere Richtung führt Mordret die Gedanken – erst mal den Tafelrunden-Mist im Saal aufräumen, dann mal sehen. Während die junge Kunneware (Antje Huschenbett) noch hitzig für Veränderungen argumentiert, bleibt Mordret lässig und pragmatisch – Ideale waren vorgestern, heute brauche ich Unterhaltung, Mann.
Dem verhältnismäßig jungen Team ist eine frische Belebung des Stücks gelungen – und zwar nicht durch Mund-zu-Mund-Beatmung, sondern in eigener Sichtweise. Auch das macht die Inszenierung sehenswert – mit oder ohne Uraufführungserinnerung.



