Stücke
Penthesilea
Verflucht das Herz, dass sich nicht
mäß'gen kann! oder:
Wer reden kann, ist klar im Vorteil.
"Ist
was?"
"Nein."
"Ok."
Fünf
Minuten Schweigen. Sie murrt. Er schaut.
"Bist
du sicher, dass nichts ist?"
"Es
ist nichts."
Fünf
Minuten Schweigen. Er schaut. Sie murrt.
"Du
verstehst mich nicht."
Man kennt das. Keiner will den Streit und dann gibt es ihn doch. Weil Worte nicht gleich Worte sind. Man hat genau eine Botschaft, doch die Möglichkeiten, missverstanden zu werden, sind unbegrenzt. Vielleicht schauen sich deshalb die Liebenden immer so lang in die Augen, seufzen und sagen nichts?
Und wie kommt es überhaupt erst dazu, dem anderen in die Augen schauen zu dürfen? Da stehen Zwei und wollen sich. Alle wissen es. Und trotzdem stehen die Zwei einfach da, lässig, großkotzig, schüchtern: wie auf dem Schulhof. Wollen sich und können es doch nicht sagen. Denn: Jungs sind doof, und Mädchen wollen immer über Pferde reden.
Doch jetzt ist Krieg! Hier ist keine Zeit zum Rumstehen. Zum Abchecken. Zum Anschmachten. Hier wird Troja belagert! Und das geht so:
Die Griechen belagern, Troja hält aus. Der Stoff, aus dem Heldenepen sind. Eine große Geschichte, eine Geschichte für echte Kerle. Dann taucht die Amazonenkönigin Penthesilea mit ihren Kriegerinnen auf. Und plötzlich war es das mit den großen Helden.
Achill, der Unbesiegbare, der mit der Ferse, der steht auf einmal da und hat sich verguckt. Einfach so. Und Penthesilea? Tja, der geht es nicht viel besser. Penthesilea will Achill, und Achill will Penthesilea.
Es gibt nur ein Problem: Sie muss ihn besiegen, er darf sich nicht besiegen lassen. So ist das Gesetz. So ist die Welt. Klar, denkt man, da muss sich doch eine Lösung finden. Ist doch die große Liebe und so, da versetzt man Berge und durchschwimmt Seen und erledigt die wildesten Aufgaben. Nur über seinen eigenen Schatten zu springen, das ist dann doch nicht so leicht.
Also ist Krieg. Zwischen den Gegnern. Zwischen den Liebenden.
Und am Ende gibt es Tote. So einfach ist das.
Die komische Tragödie von Kleist untersucht die Beziehung zweier junger Liebender, die im richtigen Moment einfach nicht das Maul aufkriegen. Die Inszenierung entfernt sich damit bewusst vom Konflikt der Systeme, denen Penthesilea und Achill unterworfen sind, sondern interessiert sich vielmehr für den Einzelnen und dafür, wie er als Individuum und Teil des Systems mit dem dadurch in ihm entstehenden Interessenkonflikt umgeht.



